Steckbrief

Stirps vagans Muelleri, die Wandersprosse

1 Beschreibung der Art
1.1 Aussehen
Aufgrund ihrer überwiegend unterirdischen Lebensweise konnte die Wandersprosse bisher nur sehr selten näher beobachtet werden. Die wenigen vorliegenden Augenzeugenberichte beschreiben die Wandersprosse als auffällige und beeindruckende Erscheinung, die sich deutlich von der heimischen Flora und Fauna unterscheidet.

Da die Wandersprosse nach bisherigen Erkenntnissen nur in einer eng begrenzten Phase ihres Lebenszyklus die Erdoberfläche durchbricht, fallen dem Beobachter vor allem die mächtigen, sprossenartigen Ausläufer auf, die in weiten Bögen aus der Erde hervortreten und wieder in sie eintauchen.
Aus den bisherigen Beobachtungen lässt sich ableiten, dass der Durchmesser der Ausläufer bei erwachsenen Exemplaren gut 20cm erreichen kann. Die Bögen erreichen dann Spannweiten von bis zu 1,90 m.
Ihre Oberfläche schimmert, abgesehen von den violetten Verdickungen, grünlich-gelb changierend und scheint mit einem hauchdünnen Netz überzogen.
Die Wandersprosse lässt sich – neueren Forschungen zufolge – in den Formenkreis der bodenbewohnenden biomorphen Phänomenen einordnen, einer überwiegend unterirdisch existierenden Lebensform. Das würde das Rätsel ihres zum Teil mehrjährigen „Verschwindens“ zumindest etwas erhellen.

1.2 Taxonomie
Stirps vagans M. ist die bisher einzig bekannte Art dieser zoobotanischen biomorphen Gattung in Deutschland. Das beginnende Interesse an dieser Spezies in der Fachwelt rief jedoch bereits einige internationale Reaktionen hervor, wie Hinweise auf früh-mesopotamische Schlangenkulte (Chandrakah Bose, Indien) oder die Verbindung mit Legenden mongolischer Hirtenvölker. Das lässt auf weitere Erkenntnisse über mögliche andere Arten und ihre Verbreitung hoffen!

1.3 Herkunftsgebiet
Die ursprüngliche Heimat dieses Biomorphen ist aufgrund der sehr lückenhaften Fundortangaben immer noch nicht eindeutig bestimmt. Einige wenige Hinweise deuten auf Skandinavien, der Ausgangspunkt der deutschen Bestände lag in Norddeutschland (Botanischer Garten Wangerooge, s.a. Wander-Chronik). Bisher tauchte die Wandersprosse als Einzelexemplar oder in Kleingruppen auf, wie zuletzt im Botanischen Garten Düsseldorf (2006) oder zuletzt im Bauerngarten von Haus Ripshorst, Oberhausen (2009). Im Frühsommer 2007 hingegen konnten bei einer Grabung in Siegburg nur Spuren der Wandersprosse gesichert werden. Dabei scheint ein kühles und feuchtes Klima die Wanderschaft und Ausbreitung zu unterstützen. Die Annahme einer begrenzenden Hydrophobie musste verworfen werden.

1.4 Biologie
Die Art ihrer Vermehrung liegt größtenteils im Dunkeln: Äußerst unerwartet tauchen Exemplare aus dem Erdboden auf – große Distanzen liegen zwischen den einzelnen Fundorten. Die oberirdische Phase der Wandersprosse währt nach bisherigen Erkenntnissen max. 2 Tage dann verschwinden die gewachsenen Sprossen wieder.
Lange Zeit wurde von einer Verbreitung der Art durch vegetative Vermehrungseinheiten ausgegangen. Funde aus dem Jahr 2007 (s.u.) deuten jedoch auf einen Zyklus unterschiedlicher Entwicklungsstadien, möglicherweise beeinflusst von örtlichen geographischen und besonders klimatischen Bedingungen.
Nach dem Einbrechen eines Hundebesitzers in ein durch eine Wandersprosse verursachtes, weitläufiges Gangsystem in den Sieg-Wiesen bei Siegburg, konnte 2007 ein Grabungs- und Ausstellungsprojekt erste Hinweise auf Ernährungs- und Verbreitungs-mechanismen sowie Vermehrungsstrategien der Wandersprosse präsentieren.
Ihr seltenes und kurzfristiges Auftauchen scheint auch mit ihrer Ernährung zusammenzuhängen:
Mineralstoffreicher Boden und günstige klimatische Bedingungen bilden augenscheinlich die optimalen Lebensraumbedingungen für die Wandersprosse. Der hohe Gehalt an Mineralien in der Nahrung nötigt sie jedoch auch, an die Erdoberfläche zu gelangen, denn mit Hilfe des Sonnenlichtes wird ein photosyntheseartiger Prozeß eingeleitet, durch den sie im Körper angereicherte Giftstoffe ausscheiden kann. Ablagerungen solcher Ausscheidungen wurden am Grund der senkrecht aufsteigenden Gänge gefunden.
Auf der Suche nach solchen optimalen Standorten können mineralstoffarme Bereiche lange Zeit unterirdisch durchwandert werden – ein Grund für ihr zwischenzeitliches „Verschwinden“.
Ihre Vermehrungsstrategien klärten sich durch die Siegburger Funde: Eine „Bruthöhle“ oder ein „Nest“ mit gallertartig überzogenen Kokons widerlegte die Annahme einer vegetativen Vermehrung durch Sprossen. Diese „Kokons“ wurden bei der damaligen Grabung in Siegburg an solch einem optimalen Standort gefunden: ganz in der Nähe liegt der Michaelsberg, ein Vulkankegel, der die Reihe der Vulkane der Eifel und des Siebengebirges fortsetzt.

2 Vorkommen in Deutschland
2.1 Einführungs- und Ausbreitungsgeschichte/ Ausbreitungswege
Bei der Wandersprosse handelt es sich um eine recht junge Neuentdeckung invasiver gebietsfremder biomorpher Arten. Genaue Erkenntnisse über ihre Einführungs- und Ausbreitungsgeschichte sowie ihre Ausbreitungswege fehlen bislang, wobei in Zusammenhang mit den Funden in Siegburg auch historischen Hinweisen auf die Wandersprossen (Das Geschlecht der Ezzonen und ihre Burg auf dem Michaelsberg) nachgegangen werden muss.

2.2 Aktuelle Verbreitung und Ausbreitungstendenz
Stirps vagans M. ist nur durch wenige Fundorte in Deutschland bekannt, doch ihr aufsehenerregendes Erscheinen im Botanischen Garten Düsseldorf 2006 und der letzte Fund in Oberhausen hat deutlich gemacht, dass sie sich schneller verbreitet als man zu vermuten wagte. Die zuletzt entdeckten Gänge der Wandersprossen liegen nur knapp unter der Erdoberfläche – sie sind also bereits unter uns.

2.3 Lebensraum
Die Wandersprosse scheint nicht auf einen besonderen Standort beschränkt zu sein, das erhöht ihre Überlebens- und Verbreitungschancen. Sie findet sich in Wiesenbrachen, in Parkanlagen, an Ruderalstellen und an Verkehrswegen. Deutlich bevorzugt werden stark mit Mineralien angereicherte Böden, vor allem Vulkangestein – die Nahrungsgrundlage der Wandersprosse.

2.4 Status und Invasivität der Art in benachbarten Staaten
Bei der Wandersprosse handelt es sich nicht nur um eine biomorphe Besonderheit. Vergleichbar mit anderen invasiven Organismen zeichnet sie sich durch eine hohe Ausbreitungsrate aus: Weite Distanzen werden zügig überwunden, die Verweildauer ist dagegen äußerst kurz.
Ihre Vermehrungsrate hingegen ist eher gering und liegt deutlich unter der bekannter aggressiver Neobiota wie dem Riesen-Bärenklau.
So gilt die Wandersprosse, wenn auch als invasiv und gebietsfremd eingestuft, eher als unproblematisch: Sie kann zwar zu leichten Irritationen in der heimischen Flora führen, doch sind die Auswirkungen ihres Auftretens bei weitem nicht mit anderen gebietsfremden Arten (oder etwa dem Einfluß menschlichen Handelns) vergleichbar. Dominanzbestände sind bislang nicht beobachtet worden.
Hinweise auf aktuelle Fundorte außerhalb Deutschlands aus Indien und der Mongolei werden noch zu untersuchen sein.

3 Auswirkungen
3.1 Betroffene Lebensräume
Die Nähe von Wasser scheint sich auf ihr Wanderverhalten positiv auszuwirken, stark mineralisch versetzte Böden vulkanischen Ursprungs (oder auch stark durch den Menschen gedüngte Standorte !!) scheinen hingegen idealer Wachstums- und Nährboden für die Wandersprosse zu sein. Dort tauchen sie auf und hinterlassen sogar ihre unterirdischen „Nester“. Über negative Auswirkungen ihrer Ausbreitungsart ist bislang nichts bekannt.

3.2 Tiere und Pflanzen
Die Auswirkungen der Wandersprosse auf Flora und Vegetation sind – wie bereits oben angesprochen – eher gering, aufgrund ihres Auftretens als Einzelpflanze und ihrer kurzen Verweildauer an einem Standort. So sind bis heute noch keine Einflüsse auf die heimische Fauna und Flora festzustellen. Die durch die Wandersprosse hinterlassenen Röhrensysteme sind jedoch recht stabil und werden – nach neuesten Erkenntnissen – z.B. von Maulwürfen gerne genutzt.

3.3 Ökosysteme
Auch hier kann nur unterstrichen werden, dass es bisher zu keinem Massenvorkommen – und damit nicht zu Beeinträchtigungen der heimischen Vegetation durch die Wandersprosse gekommen ist. Sie wird eher als Bereicherung eingestuft.

3.4 Menschliche Gesundheit
Bisher sind gesundheitliche Auswirkungen der Wandersprosse auf den Menschen nicht bekannt. Mensch sollte sich bei Begegnungen trotzdem besser fernhalten. Inwieweit die Schleimrückstände an den Gangsystemen bei direktem Kontakt zu Reizungen der Haut führen können, muss noch näher untersucht werden.

3.5 Wirtschaftliche Auswirkungen
Bisher keine bekannt.

4 Maßnahmen
Da ihre Vermehrungs- und Ausbreitungstendenz als mäßig oder fehlend eingestuft wird, sind bislang keine besonderen Maßnahmen zur Bekämpfung der Art notwendig.

5 Weiterführendes & Kontakt
5.1 Literatur & Links
David Attenborough: Das geheime Leben der Pflanzen, Bern/ München/ Wien 1995
Gustav Theodor Fechner: Nanna oder Über das Seelenleben der Pflanzen, Hamburg/ Leipzig (4) 1908
Anton Kerner von Marilaun: Pflanzenleben, 2 Bände, Leipzig/ Wien 1896
J. R. Hoppe, Abteilung Spezielle Botanik, Universität Ulm: Allgemeine Botanik II, 2 Morphologie der Achse:
http://www.biologie.uni-ulm.de/lehre/botanik/morphologie/achse/index.html
http://www.kelbassas-panoptikum.de

5.2 Kontakt
Bereits seit dem Jahr 2000 gehören die zoobotanischen Gattungen biomorpher Phänomene zum Schwerpunkt von Kelbassa’s Panoptikum. Die Ergründung von Biomorphen in der industriell geprägten Landschaft des Ruhrgebiets und ihrer Zugehörigkeit zur sogenannten Industrienatur, zu denen auch die Wandersprosse gezählt werden muß, bleibt aktuell. Die weitere Untersuchung der Lebensgewohnheiten dieses biomorphen Neubesiedlers – Ernährung, Vermehrung und Wanderschaft betreffend – hält an. Dabei wird auch zu klären sein, inwieweit sich die Wandersprosse das unterirdische System der ehemaligen Kohlenförderung zunutze macht (Hinweis Haus Ripshorst 2009) und ob und in welchen Bereichen die Wandersprosse im Zuge der Klimaänderung subspontane Bestände etablieren kann.
Da bisher nur sehr wenig über die Verbreitungsmechanismen von Stirps vagans Muelleri bekannt ist, wird um Mithilfe bei der Erfassung aktueller Vorkommen dieser biomorphen Art gebeten.

Informationen über Fundorte  (bei Fotos bitte Urheber nicht vergessen) bitte an:
Kelbassa’s Panoptikum
Detlef Kelbassa, Corinna Kuhn
info[at]kelbassas-panoptikum.de
http://www.wundersame.de

oder über die Kontakt-Seite

[Stand: Januar 2014]

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